DEKLINATION - Eine Studie im unfreien Fall; Berlin

programmiert von Ann Cotten
Susanne Schuda (Partei der Sensiblen, D/Ö)
Julius Deutschbauer (Bibliothek ungelesener Bücher, Ö)
und Ann Cotten (KP-ÖDEM)

Freitag, 30.10.2015, 20h

Vereinsmeierei Rumbalotte Continua
Rumbalotte
Prenzlauer Berg
Berliner Straße 80-82 (Willner Brauerei)
10439 Berlin

Ziel der Veranstaltung ist das Üben der indirekten Erforschung. Was ein Fall ist, ist ersichtlich aus all den Einzelfällen, die ihn auf ihre je unterschiedlichen Arten exemplifizieren. Der Versuch, die "gefühlte" oder intuitive Definition sprachlich zu formulieren, also zu formalisieren, geht oft schief, da man kaum bewusst an alles gleichzeitig denken und es auch noch richtig gewichten kann. Aber nach und nach - also man muss schon annehmen, dass jeder Mensch eine vollkommen richtige Sprachauffassung hat, und genau versteht, was die Fälle sind (auch wenn es dialektale Meinungsverschiedenheiten gibt, sind Meinungsverschiedenheiten hier ganz erstaunlich rar). Nirgendwo ist der Mensch so konservativ wie bei der Pflege und Erhaltung der korrekten Sprache, außer beim Kochen. (Vorgestern Streit zwischen Gerhard Rühm und dem Rest des Tisches, ob eine perfekte Schnitzelpanier locker sitzt oder eng. Ich neige zur Meinung der Welpenfreunde. Bei Sakkos andersrum, kein Hiphop. Zu eng darf es aber auch nicht sein.)
Der Roman ist vielleicht die gegenwärtig verbreitetste Methode, das Erleben eines komplexen, zeitlich ausgedehnten Sachverhalts möglichst akkurat sprachlich zu formulieren und gleitet immer wieder in viel zu einfache Erklärungen ab. Konkrete Kunst und abstrakte Formen von Sprachkunst gehen hier den aussichtsreicheren Weg einer Rekonstruktion von innen, sozusagen wie man auf Dinosaurier schließt: von ihrem Skelett, oder wie man die Bestantteile und das Verhalten von Planeten aufgrund von Wissen über physikalische Gesetze und Beobachtungen deduziert. Beim Fremdsprachenunterricht tauchen immer wieder Momente auf, wo man sich entscheiden muss, ob man einen Fall anhand von tausenden Beispielen "erklärt" oder ihn erklärt, um ein grobes Skelett zu geben, und die Details dann mithilfe von hunderten von Beispielen "ausfüllt". Ähnlich, wenig überraschend, wenn man Computern die Simulation der Bewegungen von Menschen oder Tieren beibringen oder Spracherkennungsprogramme bauen will. Wie ich neulich in einem Vortrag von Manfred Pinkal hörte, funktionieren Diktier- und Spracherkennungsprogramme immer noch über die reine Masse von Datenbanken mit statistischer Auswertung besser als alles, was man an linguistischer Intelligenz bauen konnte. Sie perpetuieren dadurch populäre Irrtümer, sobald diese eine kritische Textmasse im Internet erreicht haben.

These 2: Politische Parteien kann oder muss man lesen oder lernen wie grammatische Fälle in ihrem aktivitätscharakteristischen Bezug zur Realität. Insgesamt geben sie dann ein Bild ihrer Umgebung, ihres ästhetischen Sprachraums. Und satirische Parteien? Julius Deutschbauer und Susanne Schuda, beide Plakatkünstler, beide lange in Wien tätig, aber nicht persönlich miteinander bekannt, haben unabhängig von einander Parteien gegründet. Auf ihren Plakaten sehen sie ernst und geradezu
gelangweilt drein, jedoch erkennt man schon an der Beleuchtung ihre mit Komik arbeitende satirische, also ernste Absicht. Ihre Texte schillern in wechselnder Sprechakthaftigkeit, sind kitzlige Exemplare von Sätzen, die schön sind, die man ernst auffassen kann, aufgrund der Schönheit sogar muss; zugleich ist auch die humoristische Lesart Pflicht.

Die Strenge der Satire ist vergleichbar mit der Strenge von Grammatik: es gibt keine Rute, keine Exekutive. Die Strafe bestünde darin, aus dem Spaß ausgeschlossen zu sein, uncool zu wirken, das Gefühl von Unverständnis erleiden zu müssen. Da das Verständnis selten überprüft wird, kann man sich leicht selbst belügen und sich einreden, ein Versteher zu sein, ohne wirklich zu verstehen. Es wird nicht geprüft, sagt ich, und doch ist das nicht ganz wahr.

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