35. Schon wieder eine Aufführung, die ich nicht gesehen habe:

Anne Juren (AT/FR)
Pornography: A Trying-Out

08. August | 22:30 | Odeon

Geld ist nicht nur nachtragend, Geld ist rachsüchtig. Geldstücke geben sich als Nippes aus, Geldscheine auch. „Nippes, Nippes?“, überlege ich, „Ist das nicht ein Stadtteil von Köln?“ Ich schreibe meine Kritiken gerade nur für Kölner. Gestern habe ich mir die Fassade des Kölner Doms angeschaut. Er liegt direkt neben dem Bahnhof. Dann doch lieber ins Bahnhofsbistro. Dort erkundige ich mich, wo das nächste Puff ist, während Anne Juren und Elisabeth Ward im Wiener Odeon im Auftrag von ImPulsTanz eines gründen. Eigentlich kein wirkliches Puff, einen Verein, einen privaten Verein. „Verein zur Hebung der Lebensfreude“ nennt sich der bei ihnen. So nannte ihn bereits Witold Gombrovicz* in seinem 1960 erschienenen Roman Pornography. Und wie nennt sich die grandiose Elisabeth Ward? Sicher Jacqueline. Die Beste heißt immer Jacqueline. Die Beste was?! – Au! Ich brauche eine Ausländerin nur zu zwicken, um festzustellen, dass Au ein deutsches Wort ist. Ich verlasse das Bahnhofsbistro und wechsle in die benachbarte Bar. Bar bedeutet für mich immer Damentoilette. Dort zwicke ich Anne Juren und Elisabeth Ward.
(Kurze Pause.)
Beim anschließenden Artist Talk stehen Juren und Ward an der Tafel.
Juren schreibt „Macht“, Ward schreibt direkt daran anschließend „verhältnisse“.
Juren schreibt „Selbstverhältnisse” neben „Machtverhältnisse”.
Ward schreibt „Steigerung” unter „Machtverhältnisse” und „Selbstverhältnisse”.
Juren schreibt „Konversation” unter „Steigerung”.
Ward schreibt darunter „Eindringen“.
Juren zeichnet einen Pfeil neben „Eindringen” und schreibt „Schweigen” neben die Pfeilspitze.
Ward schreibt „Redseligkeit” an die Tafel.
Juren nimmt einen Schwamm und löscht alles aus.
Ward schreibt erneut „Macht” an die Tafel.
Die Tafel ist nass.
Juren schreibt „Gewalt” neben „Macht“ und zeichnet ein Gleichheitszeichen dazwischen.
Ward streicht es durch.
Juren schreibt „Spiel” unter „Macht”, daneben „Kausalität” unter „Gewalt”, zeichnet ein Gleichheitszeichen zwischen „Spiel” und „Kausalität”.
Ward streicht es durch und zeichnet eine Linie zwischen „Spiel” und „Macht”, „Kausalität” und „Gewalt”.
Juren schreibt „Konvention Geheimnis Macht”.
Ward zeichnet Pfeile von „Konvention” zu „Geheimnis” und von „Geheimnis” zu „Macht”.
Juren schreibt „Begehren/Obsession”, daneben „normal”, darunter „infam”.
Ward fasst diese Wörter „normal” und „infam” mit einer geschwungenen Klammer zusammen, die zu „Begehren / Obsession” zeigt.
Juren schreibt „ich”, daneben „man”, streicht „ich” mit einer Linie durch.
Ward macht den Strich zu einem Pfeil, der von „ich” auf „man” zeigt.

* Der Name WITOLD GOMBROWICZ in seiner einzigartigen Vokalfolge „I – O – O – O – I“ steht hier für nichts anderes als für „die Verstrickungen des sexuellen Akts mit Macht, Begehren und Obsession“, wie’s im Programmtext tönt.

(Video nach der engl. Übersetzung.)



Money is not only unforgiving, money is vengeful. Coins pretend to be trinkets, notes also. „Trinkets, trinkets?“ I wonder, „is this not a district of
Cologne?“ Just now I am writing my reviews exclusively for Colognians. Yesterday I looked at the façade of Cologne Cathedral. It is located right next to the railway-station. After that, maybe I had better go to the Bahnhofsbistro. There I ask for the whereabouts of the next fuckery, while Anne Juren and Elizabeth Ward establish one in Vienna‘s Odeon on behalf of ImPulsTanz. Actually not a real bordello, but a society, a private society. „Association for the Elevation of the Joy of Life“, they name it. So it was already called by Witold Gombrovicz* in his novel Pornography, which was first published in 1960. And what is the name of ‚stellar‘ Elisabeth Ward? Surely Jacqueline. The best is always called Jacqueline. The best what?! – Au! I just have to pinch a female foreigner to find out, that au! is a German word. I leave the station bistro and change to the bar next door. Bar is always ladies‘ room for me. It is there, that I pinch Anne
Juren and Elisabeth Ward.
(short intermission)
During the subsequent Artist Talk Juren and Ward stand at the blackboard.
Juren writes „power“, Ward writes, „relationships“.
Juren writes „self relations“ next to „power relations“.
Ward writes „increase“ under“ power relations“ and „self-relations“.
Juren writes „conversation“ under „increase“.
Thereunder Ward writes „penetration“.
Juren draws an arrow next to „penetration“ and
writes „silence“ next to the arrowhead.
Ward writes „verbosity“ on the board.
Juren takes a sponge and wipes everything out.
Once moreWard writes „power“ on the board.
The board is wet.
Juren writes „violence“ next to „power“ and draws an equals sign between them.
Ward crosses it out.
Juren writes „game“ under „power“, and, next to it „causality“ under „violence“ and draws an equals sign between „game“ and „causality“.
Ward crosses it out and draws a line between „game“ and „power“, „causality“ and „violence“.
Juren writes „convention secret power.“
Ward draws arrows from „convention“ to „secret“ and from „secret“ to „power“.
Juren writes „desire/obsession“, next to „normal“, and below that „infamous“.
Ward rounds up the words „normal“ and „infamous“ with curly brackets that point to „desire / obsession“.
Juren writes „I“ next to „one“ and deletes „I“ with a line.
Ward adds an arrowhead that points from „I“ to „one“ to the line.

* The name WITOLD GOMBROWICZ in its unique sequence of vowels „I – O – O – O – I“ stands here for nothing less than „the entanglements of the sexual act with power, desire and obsession.“, as it clinkers in the programme text.

 

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