Staub in der Bibliothek ungelesener Bücher

Der Bibliotheksbesucher sitzt, als ob es ihm freistünde, im Schatten, in einer mittelgroßen Kammer, der Bibliothekskammer (mitunter mit mir, dem Bibliothekskammerdiener), mit Sicht durch das Fenster nach Südosten. „Durchs Glas des Fensters spürt man den allgemeinen Zustand des Himmels, gedämpfter und stiller, als er in Wirklichkeit ist. Ein mattes Blau sagt: die Sonne scheint, aber nicht bis zu mir. Ein ebenso mattes Grau, es wird regnen, aber nicht auf mich. Ein zartes Geräusch verrät fallende Tropfen. Ganz von ferne nimmt man sie auf, sie berühren einen nicht. Man weiß nur: die Sonne strahlt, Wolken gehen, Regen fällt [...]. Es genügt, sich durch das Beobachtungsfenster von dem Weiterbestehen einiger Naturgesetze zu überzeugen [...].“ (Elias Canetti, Die Blendung, Frankfurt: Fischer 1997, S. 68f.)

Eine beim Fenster angebrachte Wetterstation gibt Auskunft über Innen- und Außentemperatur, Luftdruck und -feuchtigkeit.
Das Herz der Bibliothek ist das Audioarchiv mit inzwischen über 700 Interviews. Die erste Frage in den Interviews lautet: „Welches Wetter haben wir heute?“ Diese „ständige Übung und Erfahrung haben“ mir „das Gehör geschärft“. Nach dem tausendsten Interview werde ich mich „in harten Prüfungen zu einem Wetterexperten herausgebildet“ haben. (Florjan Lipuš, Der Zögling Tjaž, Klagenfurt: Wieser, 1992, S. 7)
Daran schließt schon die Frage an: „Welches Buch haben Sie noch nicht gelesen?“
Alle Bücher sind erlaubt: geliebte ungelesene Bücher, ungeliebte ungelesene Bücher, übel beleumdete ungelesene Bücher, in den Himmel gelobte ungelesene Bücher; keine Kunstbücher. Diese stehen auf dem INDEX LIBRORUM PROHIBITORUM der Bibliothek ungelesener Bücher.

„Die Bibliothek“ ungelesener Bücher „ist aber auch gar nicht für Leser bestimmt. An ihr soll demonstriert werden, dass jede Wirklichkeit nur ein enger Ausschnitt aus dem Universum der Möglichkeiten ist und eben als solcher in der Zeit wiederholbar.“ (Hans Blumenberg, Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999, S. 133f.)
Eine Bibliothek in Bänden und Heften – geradezu buchgelehrtenhaft und pedantisch. Die Bibliothek ungelesener Bücher hat primär Sprecher, erst in zweiter Linie Leser. Jeder Sprecher muss ein des Lesens kundiger „Un-Leser“ des von ihm genannten und nicht gelesenen Buches sein.
Er könnte dabei zu einer Lesart gelangen, die derjenigen des Autors nur gleicht, damit aber nicht identisch ist. Der Sprecher arbeitet am Werk des ihm dunkel bleibenden Urhebers weiter. Er darf parteilich und ungerecht sein, weil er ständig dessen Gegenspieler bleibt.

So verbürgt die Bibliothek ungelesener Bücher eine große Seligkeit der reinen Zurschaustellung.
Ein Aufnahmegerät, ein Mikrofon sind das Kostüm des Bibliothekars, mein Kostüm, mit ihnen bin ich im Dienst (und ich trinke im Dienst); der Dienst findet in Wohnungen, Ateliers, Ämtern, Cafés usw. statt. Wie wenn tagelang feine, dichte Flocken vom Himmel niederfielen, bald die ganze Gegend mit unermesslichem Schnee zugedeckt läge, werde ich von der Masse der aus allen Ecken und Ritzen auf mich eindringenden Geschichten ungelesener Bücher gleichsam eingeschneit. Zuweilen möchte ich mich erheben und alles wieder abschütteln, aber meine Anstrengungen bleiben meist wie in der Starrheit eines Denkmals stecken. Dabei wollte ich heutzutage, im Zeitalter der Bewegung, von mir schon etwas mehr Beweglichkeit verlangen und wenigstens die Rückständigkeit der üblichen Denkmalskunst in mir überwinden. Deshalb habe ich mich als einen in Erz gegossenen Helden entworfen, eine Bronzestatue, die zu der anderweitig längst überholten Fertigkeit im Stande ist, mit dem Kopf zu nicken – wie es etwa alle besseren Figuren in Geschäftsauslagen tun, oder sie klappen wenigstens die Augen auf und zu. Als Bibliothekar will ich mir, dem Denkmalhauer, beweisen, dass sozusagen meine Fahne auch ohne Wind flattert, dass mein Schwert stets gezückt ist, obwohl sich niemand davor fürchtet, dass die Bücher meiner Bibliothek ihre Poesie entfalten, auch wenn niemand sie liest. So füge ich dem Ganzen noch einen Tick hinzu, meinen Tick. Die ellenhohe Bronze tickt nicht ganz recht. Sie wippt, sie wippt nicht, sie wippt. Wippt sie?

Jedes genannte Buch wird angekauft und mit Hilfe von Schablone und Feder beschriftet: mit dem Namen dessen, der dieses Buch nicht gelesen hat, und der Nummer des Interviews, mittels der man das Interview im Audioarchiv auffinden kann.
Da braucht man ein Buch, erhebt sich vom Diwan (vier Fünftel aller GesprächspartnerInnen antworteten auf die Frage „In welcher Stellung lesen Sie?“ mit „Liegend.“) und holt es. Bevor man es noch hat, drängen sich drei verdammte (das heißt wunderschöne) Fauteuils dazwischen, weiters ein kniehoher Tisch. Diese Möbel zerreißen den straffen Zusammenhang, kreuzen die schönsten Fährten – es entfernt einen um Meilen vom gewünschten Buch. Wie oft greift man falsch und kehrt ahnungslos zum Diwan zurück. Dann bemerkt man es wohl. „Und wenn er [der Divan] nun künstlich Lasten trüge? Wenn man ihn mit einer Schicht schöner Bücher belüde? Wenn er ganz verdeckt wäre von Büchern, dass man ihn fast nicht sieht?“ (Elias Canetti, Die Blendung, s. oben, S. 58)
Ich muss mir noch ausrechnen, wie viele Jahre es sich hier lesen ließe, ohne dass man einmal auf die Straße gehen müsste.
„Ich brauche die vielen Bücher, die ich [...] beinahe jeden 2. Tag kaufe [...], um jedes 1 wenig anzusaugen, ich meine ich kann keines der Bücher zu Ende lesen, aber es ist 1 Köstlichkeit, 1 Mal hier, 1 Mal dort sich etwas einflüstern zu lassen, nicht wahr [...].“ (Friederike Mayröcker, brütt oder Die seufzenden Gärten, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1998, S. 94)
Das Staubtuch und nicht der Charakter macht den guten Bibliothekar. So finden sich in der Bibliothek ungelesener Bücher ein Staubtuch („Das beste Staubtuch, bitte!“ – Elias Canetti, Die Blendung, s. oben, S. 22), ein Schleifpapier der Körnung 220 gegen hartnäckige Verunreinigungen, ein Bleistiftspitzer. Damit wären auch die Aufgaben des Bibliothekars einigermaßen umrissen.
Als solcher schwanke ich zwischen dem „Wer sich auf den Inhalt einlässt, ist als Bibliothekar verloren!“ und „Ich lese niemals eines von den Büchern!“ (Bibliothekar der Staatsbibliothek in Robert Musils Mann ohne Eigenschaften, Hamburg: Rowohlt 1978,  S. 462) und dem lesend-devoten Bibliothekar aus Ulysses von James Joyce. Von ihm heißt es: „[…] schnurrend [...] tänzelnd auf knarrendem Rindsleder und einen Schritt zurück auf dem feierlichen Fußboden [...] doch noch verweilend [...] davoncouratierend [...] sanftknarrfüßig, kahl, beohrt und unverdrossen [...] freundlich und ernst [...] errötend sagt seine Maske: Mr. Dedalus, Ihre Ansichten sind höchst erhellend [...] zehenspitzelnd [...]. Die huldvolle Stirn des Quäker-Bibliothekars entflammt in rosiger Hoffnung [...]. Glückselig bricht er ab und hielt ein demütiges Haupt unter sie [...] gleichmäßig nach allen Seiten lächelnd [...]. Im taglichten Flur spricht er mit redseligem Eifer, ganz Pflichterfüllung, höchst artig, höchst freundlich, höchst ehrenwert [...] in gottseligem Buchgespräch [...] ein äußerst erfreutes Arschloch [...].“ (James Joyce, Ulysses, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1981, S. 281-301) Immer wieder mischt er sich in die Gespräche der Bibliotheksbesucher ein.

Aber ich bin auch Gastgeber. Einmal im Monat lade ich zu „Lesen und Handarbeiten im Zirkel" in die Bibliothek ungelesener Bücher (den jeweils aktuellen Termin gibt es unter: www.bibliothek-ungelesener-buecher.com). Das erklärte Ziel des Zirkels ist ein Zustand, in dem ein und derselbe Mensch blind handarbeitet und daneben liest. Dabei können sich Lese- und Strickfaden ganz schön verheddern. Gelesen wird zu Themen wie Nebel, Stuhl oder Leiche. Gekrönt wird der Zirkel durch eine geladene AutorInnenlesung. Gestrickte und gehäkelte Buchhüllen, geklöppelte Ärmelschoner und gestickte Andachtsbildchen von Autoren und Dichterinnen zeugen stumm vom Fleiß der Bibliotheksbesucher.

„Die beste Definition von Heimat ist Bibliothek.“ (Elias Canetti, Die Blendung, s. oben, S. 57) Einen winzigen Bruchteil der Bibliothek ungelesener Bücher führe ich immer mit mir. Frech und blind fülle ich die Tasche an. Passt mir ihr Inhalt plötzlich nicht, so leere ich sie aus und suche wieder. Fällt mir die Tasche zufällig zu Boden, öffnet sich ihr Verschluss, den ich jeden Morgen vor dem Weggehen nachprüfe. Nichts hasse ich mehr als schmutzige Bücher. „Dann wird mit einem Mal der Staub auf den Büchern sichtbar. Sie sind alt, stockfleckig, riechen moderig, sind eines vom anderen abgeschrieben, weil sie die Lust genommen haben, in anderem als in Büchern nachzusehen. Die Luft in Bibliotheken ist stickig, der Überdruss, in ihr zu atmen, ein Leben zu verbringen, ist unausbleiblich. Bücher machen kurzsichtig und lahmarschig, ersetzen, was nicht zu ersetzen ist. So entsteht aus Stickluft, Halbdunkel, Staub und Kurzsichtigkeit, aus der Unterwerfung unter die Surrogatfunktion, die Bücherwelt der Unnatur.“ (Hans Blumenberg, Die Lesbarkeit der Welt, s. oben, S. 17) Da nützt auch das beste Staubtuch nichts mehr.